Calcium bei Durstlosigkeit

Der erste akute Fall von Calcium, bei dem ich eine völlige Durstlosigkeit wahrnah, kam vor etwa 35 Jahren zu mir. Natürlich war es nicht die Durstlosigkeit, die zu der Wahl des Mittels führte. Es war die Kälte, die Blässe, die allgemeine Kraftlosigkeit, die Unfähigkeit, die geringste Anstrengung (auch geistig) aufrechtzuerhalten. Ferner war der Appetit weg. Die Zuführung auch der kleinsten Menge Wassers interließ eine Schwere im Magen. Aufgrund dieser Symptomatik war Calcium carbonicum das am deutlichsten angezeigte Mittel. Eine Gabe XM (C 10.000) wurde verabreicht, woraufhin in kürzester Zeit der Durst und Appetit zurückkehrten. Der Patient konnte jetzt ohne Beschwerden Essen und Trinken, wo vorher auch nur geringe Mengen eine große Schwere und Blähungen verursachten. Dieser Zustand der Durst- und Appetitlosigkeit hatte eine ganze Woche lang bestanden. Der Fall erinnerte mich an meine eigenen Experimente als ich Calc. an mir selber prüfte. Mein Magen hatte sich angefühlt, als hätte ich eine Mischung aus Wasser und purem Kalk getrunken. Eine ganze Weile danach war mir überhaupt nicht danach, etwas zu trinken. Ich hatte damals diese Erfahrungen in meinem Kopf unter Calcium carb. weggeordnet, um sie bei der nächsten Gelegenheit zu überprüfen, d.h. sobald mir der nächste akute Fall mit ähnlichen Symptomen über den Weg laufen würde. Calcium carb. kommt in akuten Fällen nicht so häufig, wie z. B. Arsen oder Nux vomica, vor, auch nicht bei Kindern. Trotzdem, mit der Zeit sammelten sich kleinere Bestätigungen an, jedoch noch nicht genug, um jeden Zweifel auszuschließen. Besonders in gemischten Fällen, wenn mehr als ein Mittel benötigt wird, muß man Schlußfolgerungen mit größter Versicht ziehen.
Im nächsten für diesen Faden relevanten Fall fand ich eine fünftägige Durst- sowie Appetitlosigkeit. Außerdem Schwäche; sogar das Hinaufsteigen von zwei Treppenstufen bereitete eine große Anstrengung. Dem Patienten war kalt, und das einzige wonach er am fünften Tag verlangte war ein gekochtes Ei. Eine Gabe Calcium carb. brachte all das innerhalb Minuten in Ordnung. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell ein Mittel in akuten Fällen wirken kann. Sah vorher alles düster und bedrückend aus, so scheint mit dem richtigen Mittel oft in wenigen Minuten bis zu einer halben Stunde wieder die Sonne und alle sind glücklich und lachen. Aber wie gesagt, Calcium ist in akuten Fällen selten. So kamen zwar einige akut kranke Kinder in meine Praxis, die Calcium brauchten, aber kaum Erwachsenen. Bei Kindern sind die Zustände anders, und es gibt so viele andere Symptome, die auf das Mittel hindeuten, daß Durstlosigkeit nicht das Thema ist. So dauerte es einige Jahre bis ich genug Fälle gesammelt hatte, die mir letztendlich erlaubten, das Symptom und den Symptomenkomplex mit Sicherheit zu bestätigen. Denn ein Fall alleine ist für eine solche Bestätigung unzureichend! Ich stellte fest, daß Calcium in akuten Fällen, die die Atemwege oder den Magen betreffen tatsächlich vollkommen durstlos ist, manchmal sogar tagelang. Wenn dem Patienten auch noch kalt ist, und es ihm, tue was er wolle, nicht warm wird, dann haben wir den ganzen Symptomenkomplex. Calciumfälle entwickeln sich meist eher langsam, aber dieser Symptomkomplex ist auch am Anfang ein guter Anzeiger, sofern es kein komplexer Fall ist und keine anderen Zustände oder Symptome präsent sind.
Die Durstlosigkeit ist von höchster Wichtigkeit und das Leitsymptom für Calcium. Dieser Punkt wurde mir vor kurzem noch einmal in einem sehr interessanten Fall verdeutlicht. Der Patient hatte seit einer Woche akute Sinusitis und Bronchitis. Wegen der Durstlosigkeit hatte er Pulsatilla genommen, was zwar die starken Kopfschmerzen beseitigte, aber ansonsten nicht
weiter half. Allgemein litt der Patient noch sehr, und besonders die Sinusitis machte ihm Sorgen. Aber es gab etwas, was mich davon abhalten hätte können, Calcium zu geben: ihm war warm. Er brauchte frische Luft und wollte es kühl haben und das in der kalten Jahreszeit. Bedenken wir, Calcium mag zwar ein kalter Mensch sein, aber wenn er geistig aktiv ist, dann bekommt er Stauungen im Kopf und muß nach draußen laufen und eine gute Portion frische Luft holen, sonst wird er verrückt. H.C. Allen gibt uns dieses Symptom unter Calcium carbonicum in seinen "Leitsymptomen ": "Verlangen nach frischer Luft (wenn im Zimmer); sie inspiriert, hilft und kräftigt ihn (Puls., Sulph.). Aber ihm war warm, nicht kalt. Nun ja, Fälle kommen in allen möglichen Varianten. Darum gibt es schließlich die Symptomenkomplexe, in denen ein Symptom zu dem nächsten führt, aber das letztere nicht unbedingt da sein muß, oder nicht sehr stark. Dieser Patient war auch appetitlos. Kälte kommt in dem Symptomenkomplex von Calcium nach Durst- und Appetitlosigkeit. So war es bisher in meiner Erfahrung. Ich gab ihm also trotz der Wärme Calcium in der C 200, alle zwei Stunden. Gleich nach der ersten Gabe fing es an, ihm besser zu gehen, und am nächsten Tag war er bereits weit auf dem Weg zur Besserung fortgeschritten. Die Dosis wurde bis zur Heilung auf alle 4-6 Stunden reduziert. Dieser Fall war sehr zufreidenstellend aber zeigte mir noch einmal, daß solche ausscheidende Rubriken, wie „warme und kalte Personen“, welche auf der Autorität von Margaret Tyler ein Teil des Repertorisation geworden sind, mit Vorsicht zu genießen sind.